Purpurträume

Kapitel 1
Aus der Zeit gefallen


Der Garten lag in nächtlicher Stille. Klirrend kalt waren die Februarnächte dieser Tage in Berlin, so kalt, dass beim Einatmen die Nase schmerzte, dass der Frost vom Boden her die Füße lähmte. Die Kontur der silbrig schimmernden Mondsichel wirkte so scharf, als könnte man jemandem den Kopf damit abschlagen.
Der Mann leckte sich über die aufgeplatzten Lippen. Es war zu eisig, um mitten in der Nacht in einem fremden Garten zu lauern, nur um zu sehen, ob sich in einem alten Haus etwas regte, ob sie sich regte. Sie, diese verlorene Seele, die sich vor Gott und der Welt versteckte.
Nur er wusste, wo sie war, und das auch seit kurzem erst. Es hatte ihn Mühe gekostet, sie ausfindig zu machen, doch das spielte keine Rolle mehr. Er hatte sie gefunden. Endlich. Nur das zählte, und jetzt würde er warten. So lange, bis er sie erwischte. Wenn nicht heute, dann eben morgen oder übermorgen. Geduld gehörte zu seinen Stärken.
Er überlegte, ob er sich für eine Weile ins Auto setzen sollte, seine Beine waren mittlerweile taub vor Kälte. Doch um die Heizung zu starten, müsste er den Motor zünden, und damit machte er unnötig auf sich aufmerksam. 
Unschlüssig betrachtete er den Sichelmond. Er hatte sich schon fast dazu entschlossen, für heute abzubrechen, da fiel ein warmer Schein auf den angefrosteten Rasen, direkt unter dem Schlafzimmerfenster.
Aha! Sie war tatsächlich zuhause.
Augenblicklich vergaß er seine kalten Füße, ja ihm wurde sogar heiß. Er konnte sie durch die Scheibe sehen, diese raffinierte Hexe. Sie hatte sich das alles fein ausgedacht, das musste er ihr zugestehen: Abzuhauen, diese Lüge in die Welt zu tragen und sich dann zu verstecken. Aber jetzt war Schluss. Endgültig. Dafür würde er sorgen. 
Erst einmal unauffällig Kontakt aufnehmen, damit sie nicht gleich Verdacht schöpfte. Mal sehen, wie er das am besten anstellte. Mitten in der Nacht klingeln konnte er schlecht, welche Frau ging da zur Tür? Doch vielleicht öffnete sie zum Lüften ein Fenster. In diesem Fall könnte er sofort handeln. Andernfalls müsste er in den nächsten Tagen subtiler vorgehen. Letzteres lag ihm ohnehin mehr. Freundlich eine Unterhaltung suchen, ins Gespräch kommen, ganz harmlos, und dann sehen, wie die Hexe reagierte.
Wieder blickte er zum messerscharfen Mond. Gut, die Sache mit der Sichel wäre das letzte Mittel, ein angemessenes noch dazu, aber vielleicht erübrigte sich das. Wenn sie kooperierte.
Ein freudloses Lächeln zuckte über die spröden Lippen und riss sie blutig.

                          *

Ava zog die schweren roten Samtvorhänge ihres Himmelbetts zur Seite. Es roch noch ganz neu, nach frisch bearbeitetem Holz und nach dem Lack, der ihm eine Mahagonifärbung gab. Auf dem handgewebten Bettvorleger wartete bereits die Katze. Ihr schwarzes Fell hob sich von den Rottönen des Teppichs ab.
»Eine gute Mitternacht, Chloé«, murmelte sie verschlafen und angelte mit den Füßen nach ihren Pantoffeln. Die grünen Augen des Tieres verfolgten jede ihrer Bewegungen, geduldig wartend, in gewissem Sinne sogar fürsorglich. Sie kannte ihre Herrin, wusste, dass sie die Mitternacht bevorzugte, den blauschwarzen Himmel mochte, das milde Funkeln der Sterne, genauso wie das warme Licht der Kerzen, die sie entzündete, und deren Schein die Wandhalterungen umgab. All das vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Die Nacht war ihr Mantel und die Stille ihr Schutz, denn nur so war es möglich, jedes Geräusch wahrzunehmen und jede Gefahr zu bemerken. Nachts konnte sie die Blicke der Menschen meiden, ausgehen und alles beobachten, was ihr bedeutungsvoll erschien, ohne selbst bemerkt zu werden. Darin waren sie sich ähnlich, das Tier und die Frau.
Ava griff nach ihrem Umhang. Die Winternächte ließen das alte Haus schnell auskühlen. Zitternd huschte sie zum Kamin hinüber und entfachte ein Feuer. Eine Weile blieb sie vor dem prasselnden Reisigbündel hocken und beobachtete gedankenverloren den Funkenregen, der langsam die Holzscheite entzündete. Ein schöner Anblick war dieses kleine Feuerwerk aus orangerotem Licht. Die Hitze legte sich auf ihr Gesicht und umschlang mit unsichtbaren Händen ihren frierenden Körper.
Als sie sich selbstvergessen der Wärme hingab, fuhr ein höllischer Stich durch ihren Nacken. Sie zuckte zusammen: als wäre der Blitz eingeschlagen, direkt in ihren Halswirbel. Instinktiv ging sie in die Hocke, legte die Hände schützend um den Kopf und verharrte am Boden.
»Hast du wieder Schmerzen?«, fragte eine Stimme, die einen merkwürdigen Klang hatte.
Ava erstarrte. War jemand eingebrochen? Sie wagte kaum, sich umzudrehen. Erst als es eine Weile still geblieben war, bewegte sie langsam den Kopf nach links. Die Katze sah sie aus schmalen Pupillen an.
»Ich denke, du solltest endlich einen Medikus aufsuchen. Überleg mal, wie lange du dich schon quälst.«
Avas Blick hing ungläubig an dem Tier. Wie konnte …? War sie jetzt verrückt geworden? Aber schon im nächsten Augenblick verschmolzen Sinn und Irrsinn, sie vergaß, worüber sie sich gewundert hatte, wehrte mit der Hand ab und sagte: »Keine Ahnung seit wann.«
Mit übervorsichtigen Bewegungen löste sie sich aus der Hocke und griff nach ihren Kleidern.
Chloé beäugte sie vorwurfsvoll. »So etwas vergisst man doch nicht. Lass dich untersuchen!« Sie sprang auf die Fensterbank und begann, ihr schwarzes Fell zu putzen.
Ava schlüpfte stöhnend in ihr weißes Untergewand aus Leinen und schielte zu Chloé, aber die Katze ignorierte den mitleidheischenden Blick und äußerte ihren Rat nicht ein zweites Mal.
Nachdem sie auch ihr rotes Brokatgewand übergezogen hatte, ließ der Schmerz nach. Kurz betrachtete sie sich im Spiegel, zupfte das Untergewand durch die Schlitze, die seitlich in die Ärmel eingelassen waren und strich den mit Goldfäden durchwebten Stoff, der ihr bis zu den Füßen reichte, glatt. Chloé verfolgte jede ihrer Bewegungen mit ruhigem, aufmerksamen Blick.
Ava ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Die Katze sollte ihren Mund halten und besser draußen ihre Runde drehen.
So glitt Chloé lautlos hinaus in den Garten und verschwand in der Hecke.
Zufrieden schloss Ava das Fenster, »keine ungebetenen Ratschläge mehr«, murmelte sie, doch im selben Augenblick peitsche der Schmerz erneut durch ihren Nacken, heftiger als zuvor, sodass ihr die Tränen in die Augen schossen.
Das Tier hatte Recht, so konnte es nicht weitergehen. Widerwillig, aber einsichtig, dass kein Weg am Medikus vorbeiführen würde, griff sie nach ihrem Umhang, zog sich die fellgefütterten Lederstiefel an und verließ das Haus.

                         *

Der Mund des Mannes zuckte erneut. Doch diesmal war die Freude echt. Es lief besser als erwartet: Sie kam aus der Deckung!
Was sie wohl vorhatte, mitten in der Nacht? Noch dazu in diesem bizarren Aufzug! Er hätte das gerne ignoriert, musste sich aber eingestehen, dass es ihn irritierte. Was bezweckte das Weibsbild damit?
Egal. Er würde ihr einfach hinterhergehen.
Es war dunkel auf den kleinen Seitenwegen, hier draußen am Stadtrand, im ehemaligen Ost-Berlin, da, wo es oft keinen Asphalt gab und die sandige Straße jeden Schritt schluckte. Wie sie da durch die Nacht lief, schnell und entschlossen, in diesem mittelalterlichen Umhang. Wüsste er nicht, wer sie war, hätte er Angst bekommen. Es gab ja diese Leute, aus einer gewissen Szene, die sich so anzogen und düstere Dinge trieben. Sie wirkte unwirklich wie ein Schemen. Er blieb lieber auf Abstand. Vielleicht war sie gefährlich. Er hatte keinen Schimmer, warum sie so rumlief.

                         *

Ava stapfte durch die verschlafenen Straßen, die in nächtlicher Einsamkeit vor ihr lagen und unbeleuchtet jeden Schatten schluckten. Sie fühlte sich sicher. Um diese Zeit zogen nur Katzen durch die Gegend, manchmal huschte ihr auch ein Wiesel über den Weg, darüber freute sie sich, besonders dann, wenn so ein scheues Wesen kurz innehielt und sich sein Blick mit ihrem traf. In so einem Moment spürte sie Verbundenheit, ein Gefühl, das sie kaum noch kannte, etwas, von dem sie nicht wusste, wann es ihr abhandengekommen war. Ein Wiesel fragte nichts, wunderte sich nicht, dass auch sie durch die Nacht schlich, verstand sie auf einer Ebene, die keine Worte benötigte. Ein Wildtier hatte kein Urteil über die Menschen, ein Marder nahm Ava, wie sie war. Nach einer kurzen Begegnung, einem echten Wahrnehmen, Auge in Auge, huschten beide für sich weiter. Allein.
Heute begegnete sie keinem Wiesel, aber alleine war sie trotzdem.
Oder nicht?
Kurz vor der Bushaltestelle stockte sie. Auf der grünen Plastikbank saß jemand, eine Mütze mit Ohrenklappen tief ins Gesicht gezogen. Am liebsten hätte sie kehrtgemacht, aber dann würde sie morgen vielleicht nicht mehr den Mut aufbringen, das Haus zu verlassen. Unwillkürlich griff sie an ihren Nacken. Sie musste zum Medikus, der Schmerz sollte aufhören.
Misstrauisch beäugte sie den Mann. Faltige Haut, hager, in Gedenken versunken.
Harmlos?
Zögernd trat sie näher. Wahrscheinlich wartete er nur auf die Nachtlinie, genau wie sie.
Das grelle Neonlicht blendete. Schützend schirmte sie ihre Augen ab, nicht nur vor dem kalten Schein, sondern auch vor dem Blick des Alten, der neugierig über ihren schwarzen Umhang wanderte. Er hörte gar nicht auf zu starren. Seinen Gesichtsausdruck jedoch konnte Ava nicht deuten. Es war genau die Art von Blicken, die sie meiden wollte und derentwegen sie nur noch nachts auf die Straße ging. Die Leute waren komisch geworden in letzter Zeit.

                    *
           
Ava stand auf dem Hof der Ambulanz, wo die Rettungsfahrzeuge parkten. Durch eine große Panoramascheibe konnte sie den Wartebereich sehen, in dem einige Leute saßen. Zögernd betrat sie das Gebäude durch die elektrische Schiebetür. Es roch nach Fencheltee und abgestandenem Kantinenessen. Die Wartenden machten allesamt einen unfreundlichen Eindruck. Außerdem waren es zu viele Fremde auf einem Haufen. Alle hatten den starren Blick, dasselbe unverhohlene Glotzen wie der Mann von der Haltestelle.
Ava verfluchte ihren Entschluss, hergekommen zu sein, und machte auf dem Absatz kehrt. Doch bevor sich die gläsernen Vorhänge lautlos zur Seite schoben, hörte sie eine Stimme hinter sich.
»Hier ist noch ein Platz frei.«
Ava versteifte sich. Warum sprach ein Fremder sie an? Ihre Füße wollten hinaus, aber ihr Blick suchte nach der Stimme. Wen interessierte es, ob sie blieb oder ging? Sie kannte doch niemanden, hier schon gar nicht.
Die gläsernen Vorhänge gingen unablässig auf und zu: Sie stand direkt unter dem Sensor. Der kalte Luftzug blähte ihren Umhang, als stünde sie auf einer zugigen Bergkuppe, und genauso fühlte sie sich auch. Egal, in welche Richtung sie den nächsten Schritt machte, es wäre die falsche. Auf beiden Seiten wartete der Abgrund: Entweder dieser Fremde oder ständige Schmerzen.
Ava streifte sich eine der kastanienbraunen Haarsträhnen aus dem Gesicht und blickte sich prüfend um. Die meisten Plätze waren leer, kein Wunder, um ein Uhr morgens. Warum meinte jemand, sie auf einen freien Stuhl hinweisen zu müssen? Das war vollkommen überflüssig. Nervös knetete sie die feuchten Hände, konnte sich aber nicht zum Weggehen entschließen. Sie musste die Kontrolle behalten, wissen, wer mit ihr gesprochen hatte.
Ihr Blick irrlichterte über die wartenden Patienten.
War es der Schwarzhaarige mit dem Pflaster an der Schläfe?
Niemand sprach, Geräusche kamen nur von dem großen Flachbildfernseher, der an der hellgelb getünchten Wand hing. Irgendein Nachrichtensender.
Fünf Augenpaare waren auf sie gerichtet, Ava starrte zurück, bis jeder sich wieder der Beschäftigung zuwandte, die er vor ihrem Eintreten unterbrochen hatte. Lesen, Nachrichten gucken, stricken, Handy.
Sie suchte weiter. Die Stimme war männlich gewesen, weshalb die Frau mit dem Verband am Fuß und dem Handarbeitszeug auf dem Schoß schon einmal ausschied. Ein Typ mittleren Alters, im Jogginganzug und ohne erkennbare Verletzung, schaute auf den Fernseher, obwohl er – Ava sah es genau – immer wieder heimlich zu ihr hinüber schielte. Der war es sicher nicht, denn seine ganze Körperhaltung verriet, dass er keinen Wert darauf legte, dass sie sich neben ihn setzte.
Misstrauisch suchten ihre Augen den Rest des Wartezimmers ab. Ihr Blick wurde von einem freundlich aussehenden Mann am anderen Ende des Raumes beantwortet. Er trug Jeans und Pulli, seinen dunkelblauen Dufflecoat hatte er über dem Schoß liegen. Er winkte und deutete mit einem Lächeln auf den Klappsessel neben sich.
Ava zögerte, doch dann heulte hinter ihr ein Martinshorn und vor Schreck machte sie einen Schritt vorwärts in den Wartebereich hinein. Das Blaulicht rotierte durch den Saal und über ihr blasses Gesicht. Sie zitterte. Ihr Umhang flatterte im Luftzug der zuckenden Schwebetüren. Sie schlossen sich immer noch nicht.
»Könnten Sie Abstand von der Tür halten?«, schimpfte ein glatzköpfiger Mann. Er trug einen dunklen Anzug und eine bordeauxrote Weste. In seinen Händen hielt er eine Nierenschale aus Pappe und sah aus, als würde er sich gleich übergeben. Wütend schielte er zu ihr hinüber.
»Es zieht.«
Sein linker Fuß tippte nervös auf den grünen Linoleumboden.
Da Ava fror, machte sie einen weiteren Schritt in den Saal, raffte ihr Kleid und marschierte an dem Mann vorbei, hin zu dem Winkenden.
Sie hätte jeden anderen Platz wählen können, aber ohne zu wissen warum, steuerte sie den angebotenen Klappsessel an. Im Näherkommen musterte sie den Fremden. Er war dunkelblond, hatte einen Dreitagebart und ein freundliches Lächeln auf den winterspröden Lippen.
Wie lange schon hatte sie niemand mehr angelächelt? Eine Aureole aus menschlicher Wärme umgab den Mann, und nun, da sie in seine Nähe kam, betrat sie diese Aura, die sich anfühlte wie ein Kaminfeuer mit Funkenregen. Lautlos ließ sie sich neben ihn sinken, und er begann sofort mit dem Smalltalk.
»Sie tragen ja ein außergewöhnliches Kleid«, stellte er bewundernd fest, »roter Brokat! Selbst genäht?«
Ava verstand nicht, was er meinte. Die Kassiererinnen vom 24-Stunden-Supermarkt stellten auch immer so komische Fragen. Ständig wollten die Leute Auskunft über ihre Garderobe. Warum sie so angezogen sei, was sie vorhabe und ob man da mitmachen könne.
Das war ihr irgendwann so lästig geworden, dass sie begonnen hatte, den Lieferservice in Anspruch zu nehmen. Per Mail gab sie einmal pro Woche ihre Einkaufswünsche durch. Der Fahrer kam am nächsten Morgen, immer gegen 9:30, kurz bevor sie zu Bett ging. Dieser Service war ihre Rettung vor all den unangenehmen Blicken und Fragen.
Misstrauisch musterte sie den Unbekannten. Immer noch sah man ihm an, wie er sich freute, dass sie neben ihm saß. Dabei fiel ihr sein linker Arm auf, der in ein Dreiecktuch gebunden war.
Er nahm ihre stumme Frage auf und antwortete: »Bin mit dem Motorroller gestürzt. Hab‘ die Kurve zu schnell genommen.«
Ava nickte und versuchte ein Lächeln, »muss weh tun«.
Mit Schmerz kannte sie sich aus. Sie griff sich wieder an den Nacken. Das andauernde Stechen zermürbte sie. Jede Lebensfreude ging verloren. Sie hatte Mitgefühl, gerade weil der Mann trotz seiner Verletzung lächelte, und deshalb rang sie sich auf seine freundliche Frage eine knappe Antwort ab.
»Ich kaufe meine Sachen im Online-Shop.«
»Sie sind wohl Mitglied in einer Rollenspielgruppe?«, mutmaßte der Mann, »ich finde so was ja richtig spannend. Meine Hobbys sind eher langweilig. Lesen, Joggen, Rasenmähen. Das Übliche eben.«
Er wartete kurz, ob sie etwas sagen würde, aber da Ava ihn nur ansah, erzählte er weiter.
»Einer meiner Freunde ist in einem Museumsdorf hier im Süden Berlins aktiv. Das kennen Sie bestimmt. Die bauen Hütten wie im Mittelalter, züchten alte Nutztierrassen, und zu besonderen Anlässen gibt es Feste in historischer Kleidung.«
Er wartete auf eine Reaktion, aber Ava beäugte ihn verständnislos, deshalb räumte er schnell ein: »Na ja, die machen ja einen auf frühes Mittelalter. Sie wirken eher wie Renaissance oder so, stimmt’s?«
Die Aura des Mannes wurde kälter. Renaissance? Sie spürte die Unruhe wie eine Schlingpflanze aus ihrem Magen die Speiseröhre hinaufwachsen. Aus ihrem Mund rankte sie in Form einer Frage. »Was wollen Sie von mir?«
Sie suchte in seinen dunkelblauen Augen nach einer Antwort, Augen, die sehr intensiv, aber nicht zu aufdringlich auf ihr ruhten. Er wirkte zugewandt und ruhig, fast fürsorglich. Trotzdem beunruhigte sie der Blick, und sie wich ihm aus.
»Ich möchte mich nur unterhalten«, lächelte der Mann.
Ava verschränkte die Arme. Sie sollte besser nach Hause fahren und sich einen warmen Halswickel machen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, und die Entscheidung, hierherzufahren, erwies sich als schlechte Idee. Ihr fahriger Blick suchte die Tür. 
Sie hätte sich nicht neben den Fremden setzen sollen. Nervös rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. Eine Krankenschwester ging vorüber, mit ihr wehte ein Hauch von Desinfektionsmittel durch die Wartehalle. Sie grinste Ava an, als wäre irgendetwas komisch an ihr. Selbst hier im Krankenhaus wurden die Leute immer seltsamer.
Ein Signalton lenkte aller Aufmerksamkeit zum Bildschirm, auf dem der Live-Ticker eines Nachrichtensenders unterbrochen wurde, um die nächste Behandlungsnummer anzuzeigen.
Nachdem die Frau mit dem Verband am Fuß hinter einer der angrenzenden Türen verschwunden war, erschienen wieder die Nachrichten:
Die Polizei sucht nach dem Berliner Jörg H.
Der Mann wird seit nunmehr sechs Monaten vermisst. Er war bis kurz vor seinem Verschwinden Mitglied des Opus Purpurea, einer von der Katholischen Kirche abgespaltenen Bruderschaft mit Hauptsitz in Neapel. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Vermisste einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Hinweise werden an jeder Polizeidienstelle entgegengenommen.
Auf dem Bildschirm erschien das Foto eines etwa fünfunddreißigjährigen, gutaussehenden Mannes in purpurfarbenem Ornat, dem markanten Erkennungszeichen dieser religiösen Fanatiker. Daneben ein Bild in Zivil, das einen strahlenden Jörg mit sonnengebräunter Haut in einem lila T-Shirt zeigte. Der tiefe V-Ausschnitt gab üppiges Brusthaar und einen goldenen Anhänger frei.
Ava starrte auf den Bildschirm. Wie von Ferne drang die Stimme ihres Sitznachbarn an ihr Ohr:
»Ich heiße übrigens Gero, Gero Wittmann«, stellte sich der Mann vor. Er streckte die Hand aus, aber Avas Blick hing gebannt an den Nachrichten, die längst zum nächsten Thema gesprungen waren und Bilder eines Erdrutsches in Südostasien zeigten.
»Purpur«, flüsterte sie leise, während sie auf die braune Schlammlawine starrte, die ganze Häuser mit sich riss, die wie in Zeitlupe eine Straße hinunter quoll und Existenzen auslöschte.
»Purpur«, murmelte Ava wieder.
Die Farbe war wie der Zipfel eines Gewandes, den sie gerade noch greifen konnte, der ihr aber doch entglitt. Irgendetwas hatte sie vergessen. Etwas Wichtiges, nur sie kam nicht drauf.  


Purpurträume
1. Auflage 2025
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© 2025 Ute Schusterreiter 

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